Transkutane elektrische Nervenstimulation

Zur Linderung von Schmerzen existieren eine Reihe von Behandlungsmöglichkeiten: Medikamente, physikalische Anwendungen wie Wärme, Kälte und Strom, Physiotherapie und andere mehr. Eine Kombination mehrerer Therapien ergibt oft die besten Ergebnisse und ist heute medizinischer Standard. 

Die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) ist in der Schmerzmedizin ein häufig eingesetztes Verfahren, das sich durch die Möglichkeit der eigenständigen und häuslichen Anwendung des Patienten auszeichnet. Dabei werden mittels aufgeklebter Elektroden Stromimpulse durch die Haut hindurch („transkutan“) geleitet. Sie reizen Nerven und lösen dadurch schmerzlindernde Reaktionen aus, über die der menschlichen Körper zur Schmerzkontrolle verfügt. 

Die TENS kann bei allen Arten von Schmerzen eingesetzt werden. Sie ist nebenwirkungsarm und auch zur Langzeitbehandlung geeignet. Sie lässt sich mit anderen Behandlungen gut kombinieren und unterstützt die Wirkung von Medikamenten.

Wie wirkt die TENS?

Der menschliche Organismus kann Schmerzen vermindern durch die Bildung und Ausschüttung schmerzhemmender Substanzen. Dieser Vorgang wird durch die TENS gefördert. Von diesen Substanzen gibt es unterschiedliche Vertreter. Durch die Verwendung bestimmter TENS-Einstellungen kann eine Steuerung ausgeübt werden, um möglichst eine optimale Schmerzlinderung zu erreichen. 

Die Einstellungen des TENS-Gerätes

Viele TENS-Geräte verfügen über Behandlungsprogramme mit vorgegebenen Parametern, so dass nur die Stromstärke einzustellen ist. Andere Geräte lassen auch die Einstellung der Frequenz oder Impulsbreite zu. Im Folgenden dazu einige Hinweise:.

Die Stromstärke  

Die Stärke des Stromes wird in Milliampere (mA) gemessen. Bei der TENS wird oft mit einer Stromstärke 5-30 mA behandelt, viele Geräte leisten aber deutlich mehr. Die Stromstärke wird bei jeder Behandlung neu eingestellt. Als Faustregel gilt: die Intensität erhöhen bis zu einem deutlichen und starken Stromgefühl, das eine Voraussetzung für eine gute Schmerzlinderung ist. Die Stimulation sollte aber nicht schmerzhaft werden. Wie stark der Strom empfunden wird, hängt von der individuellen Empfindlichkeit und auch Erfahrung mit der TENS ab, sowie von der Anlagestelle der Elektroden und der Elektrodengröße.

Die Frequenz

Die Frequenz wird mit der Einheit Hertz beschrieben (Hz= Impulse pro Sekunde). Das TENS - Gerät arbeitet meist im Bereich von 1-120 Hz. Dabei werden 2 Frequenzbereiche unterschieden: der hochfrequente Bereich zwischen 35-120 Hz und der niederfrequente Bereich zwischen 1-15 Hz. Diese Frequenzbereiche haben eine unterschiedliche Wirkung. Welcher im Behandlungsfall die beste Wirkung hat, ist bei jedem Menschen und auch jedem Schmerz unterschiedlich und muss letzten Endes ausprobiert werden. Hier einige grundlegende Empfehlungen zum Einsatz der Frequenzen:

Die hochfrequente Stimulation fühlt sich wie ein starkes Kribbeln an. Die Stromstärke wird so geregelt, dass keine Muskelanspannungen auftreten. Die Wirkung beruht auf einer Unterdrückung von Schmerzimpulsen in Nervensystem. Sie tritt oft innerhalb weniger Minuten ein. Dies macht die hochfrequente Stimulation besonders für neu aufgetretene („akute“) Schmerzen geeignet. Auch zur ersten Testung der TENS ist die hochfrequente Stimulation empfehlenswert, da schon in kurzer Zeit der Effekt abgeschätzt werden kann.

Die niederfrequente Stimulation wird oft mit 2 Hz durchgeführt und mit einer Stromstärke, die ausreichend sein muss, um sichtbare Muskelzuckungen im Elektrodenbereich auszulösen. Diese Muskelzuckungen sind erforderlich, um die Ausschüttung von im Körper gebildeten, stark schmerzhemmenden opiumähnlichen Stoffen anzuregen (sogenannte Opioide wie Endorphine und Enkephaline). Sie sind völlig harmlos und führen auch nicht zu einem Muskelkater. Die Wirkung der niederfrequenten Stimulation baut sich langsam auf und erreicht nach ca. 30 Minuten ihren Höhepunkt. Sie hält nach Abschalten des Gerätes auch noch längere Zeit an. Deshalb eignet sich die niederfrequente Stimulation besonders für anhaltende und wiederkehrende („chronische“) Schmerzen. Auch bei Nervenschmerzen kann  eine gute Wirkung erzielt werden. 

Weiterhin steht eine Kombination der niederfrequenten und der hochfrequenten Stimulation zur Verfügung: die sogenannte HAN-Stimulation, benannt nach dem chinesischen Forscher Prof. Han. Sie verbindet  die Wirkungen der niederfrequenten und hochfrequenten Stimulation. Dabei wird alle 3 Sekunden zwischen 2 und 100 Hz gewechselt. Dadurch kann eine stärkere Schmerzlinderung erreicht werden. Die HAN-Stimulation stellt für die meisten Schmerzen die erste Wahl dar. Sie wird von einigen Herstellern als eigenes Programm angeboten.

Achtung: die niederfrequente Stimulation und die HAN-Stimulation können nur an Körperstellen durchgeführt werden, an denen Muskelzuckungen auslösbar sind. 

Elektrodentypen

Elektroden gibt es in unterschiedlichen Formen und Größen. Die Elektrodengröße sollte dabei der  des  Schmerzareales entsprechen. Alternativ kann auch mit kleineren Elektroden das Schmerzareal umfasst werden. Meist werden selbstklebende Elektroden (SKE) verwendet, die direkt auf der Haut befestigt werden. Nach der Anwendung werden die Elektroden auf ihre Folie zurückgeklebt. Bei guter Pflege, insbesondere Schutz vor Fett, können die SKE mehrmals verwendet werden. Eine Befeuchtung der Klebefläche mit einigen Tropfen Wasser kann bei nachlassender Klebekraft helfen. Elektroden, die nicht mehr gleichmäßig auf der Haut haften, müssen erneuert werden.

Bei Gummielektroden muss ein Elektrodengel und Klebestreifen zur Befestigung verwendet werden. Diese Elektroden lassen sich über lange Zeit verwenden.

Textile Elektroden aus leitfähigem Gewebe erleichtern die Elektrodenanlage bei größeren oder schwer zu behandelnden  Arealen. Es stehen Bandagen, Handschuhe, Socken und andere mehr zur Verfügung. 

Elektrodenanlage

Die Elektroden werden im Schmerzgebiet angebracht. Falls dies nicht möglich ist (z.B. wegen einer Schmerzverstärkung  oder einer Hauterkrankung) kann auch eine Stimulation im gleichen Gebiet auf der anderen Körperseite versucht werden. Auch können gezielt bestimmte an der Schmerzleitung beteiligte Nerven stimuliert werden. Dazu ist medizinisches Wissen erforderlich, um die geeigneten Stellen zu ermitteln.

Eine besondere Elektrodenanlage ist mit der sogenannten Kaada-Stimulation verbunden. Es handelt sich um eine niederfrequente Stimulation. Hier kommen die Elektroden nicht ins Schmerzareal, sondern werden immer auf der Hand angebracht (siehe Abb. Kaada-Stimulation). Mit der Kaada-Stimulation können Schmerzen aus allen Bereichen des Körpers behandelt werden. Sie ist sinnvoll, wenn z. B. Schmerzen an mehreren Körperstellen zugleich auftreten oder wenn eine Elektrodenanlage im Schmerzgebiet nicht möglich ist. 

Die Polung

Man unterscheidet zwischen der positiven Elektrode (Anode) und der negativen Elektrode (Kathode). Die Anode ist mit einem roten Kabelstecker, die Kathode mit einem blauen (auch schwarzen oder weißen) Kabelstecker  verbunden.

Die positive Elektrode wirkt etwas stärker schmerzlindernd. Sie wird deshalb unmittelbar auf dem schmerzenden Areal angebracht. Die negative Elektrode kommt ebenfalls auf das Schmerzareal, ggf. in die Schmerzausstrahlung oder in die Nachbarschaft des Schmerzareales, um den Stromkreis zu schließen. 

Länge und Häufigkeit der Behandlung

Eine Behandlung dauert in der Regel 30 Minuten. Anfangs sollte wenigstens einmal täglich, bei Bedarf auch öfters täglich stimuliert werden. Sobald eine Besserung eintritt, kann die Anzahl der Behandlungen vermindert werden.

Kombination der TENS mit anderen Schmerzbehandlungen

Die TENS kann mit Medikamenten und anderen Maßnahmen gut kombiniert werden. Dabei kann  eine gegenseitige Wirkungsverstärkung eintreten. Bei Patienten, die mit Opiaten behandelt werden, ist die hochfrequente Stimulation zu bevorzugen.

Der behandelnde Arzt sollte über die TENS-Anwendung informiert werden, um die Behandlung ggf. anpassen zu können. 

Nebenwirkungen der TENS

Die TENS ist eine verträgliche und nebenwirkungsarme Therapie. Selten treten auf:

Hautreizungen

Eine leichte Rötung in der Behandlungsregion, die über die eigentliche Elektrodenfläche hinausgeht und unscharf begrenzt ist, ist völlig normal. Sie entsteht durch eine verbesserte Durchblutung im Stromflussbereich. Eine scharf begrenzte und intensive Rötung in Form der Elektroden kann auf eine strombedingte Hautreizung hinweisen. Hier muss ärztlicher Rat vor einer Fortführung der Behandlung eingeholt werden, um weitergehende Hautschäden zu vermeiden. Durch die Verwendung von Schutzschaltungen wie die „AKS-Schaltung“ sind strombedingte Hautreizungen selten geworden.

Hautrötungen können auch durch eine Unverträglichkeit des Elektrodenmateriales entstehen. Der Gebrauch eines anderen Elektrodentypes oder besonders hautschonender Elektroden kann dieses Problem lösen.

Schmerzverstärkungen

Eine Schmerzverstärkung ist möglichweise Folge einer zu intensiven Stimulation und tritt besonders nach den ersten TENS-Behandlungen auf. Durch eine geringere Stromstärke, ggf. anfänglich kürzere Behandlungszeiten oder auch durch eine Verminderung der Behandlungshäufigkeit kann diese Erscheinung weitgehend vermieden werden. Falls die Stimulation am Schmerzort nicht verträglich ist, besteht auch die Möglichkeit auf die Kaada-Anlage oder eine Elektrodenanlage auf der Körpergegenseite auszuweichen. 

Gegenanzeigen („Kontraindikationen“) der TENS

Patienten mit Herzschrittmachern oder anderen elektronischen Geräten im Körper (Implantate) dürfen nur nach Freigabe durch ihren Arzt und unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen die TENS durchführen. 

Patienten mit Herzrhythmusstörungen dürfen nur nach Rücksprache mit ihren Arzt und unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen die TENS durchführen. 

Patienten mit Anfallsleiden (Epilepsie) dürfen nur nach Rücksprache mit ihrem Arzt und unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen die TENS durchführen. 

Schwangere dürfen nur nach Rücksprache mit ihrem Arzt und unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen die TENS durchführen. 

Auf Wunden und erkrankten Hautbereichen dürfen keine Elektroden angebracht werden. 

Behandlungsbeispiele

Hinweis zu den Abbildungen

Die in den Bildern gezeigten Elektrodenanlagen stellen Beispiele dar, die im Einzelfall anzupassen sind. Gleichfarbige Elektroden stellen einen Kanal dar. Die Anzahl der verwendeten Stimulationskanäle richtet sich nach Ausdehnung des Schmerzareales. Aus praktischen Gründen ist die Beschränkung auf einen Kanal pro Schmerzareal ohne Weiteres möglich, auch wenn in den Abbildungen abweichend dargestellt.

Spannungskopfschmerz: Elektroden auf verspannte Muskelbereiche im Nacken-/ Schulterbereich.

 

Verspannungsschmerzen Schultergürtel

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Kniegelenksschmerzen

Autor

Dr. B. Disselhoff